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Vom Fluss in den Strom – Mein Leben als Content

Journal, LebenKnuth Kung Shing Stein

Eine Beobachtung. Wie das Internet aus mir einen Content gemacht hat.

„....ich weiß es selbst kaum, nach alldem, wer ich war, heute früh beim Aufstehen, das weiß ich schon, aber ich muss seither wohl mehrere Male vertauscht worden sein...“
Alice im Wunderland, Lewis Caroll

Ich wollte nie ein Content werden, es war reiner Zufall. Vielleicht hätte ich schon als Kind auf die Vorzeichen achten sollen. Meine Mutter führte einen recht anstrengenden Lebenswandel, der in der Nachbarschaft immer wieder für Gesprächsstoff sorgte. Und immer, wenn mich die Nachbarn sahen, steckten sie ihre Köpfe zusammen und tratschten über mich. Irgendwie lieferte ich ihnen schon damals Inhalte für Gespräche. Mit Content bezeichnet man heute alle Inhalte, die man im Internet finden kann, also im Grunde genommen alles, egal ob es sich um Texte, Emojis, Musik, Filme, Gifs oder Fotos handelt. Wenn man ein Content ist, dann ist das einem vollkommen egal, man fängt an, das nicht mehr zu unterscheiden, es sind nur noch stilisierte Zeichen. Wichtig ist nicht mehr, was man sagt, sondern wo man es sagt. Das macht das Leben als Content sehr kompliziert.

Dass ich ein Content geworden bin, hängt natürlich mit dem Internet und deren Technik zusammen, das mein Leben mittlerweile im Griff hat. Alles fing vor etwa 16 Jahren an. Ein Freund fragte mich damals, ob ich bei einem Internetexperiment mitmachen könnte. Es war ein früher Webblog. Zusammen mit anderen Interessierten sollten wir einfach Geschichten veröffentlichen. Es gab keine Barrieren oder Regeln, wir sollten schreiben, was uns Spaß macht. Am Anfang fiel mir das Schreiben nicht leicht und es war ein Kampf. Das ist heute teilweise auch noch so. Es lag und liegt einfach daran, dass ich recht spät Lesen und Schreiben gelernt habe. Mit zehn Jahren konnte ich immer noch nicht richtig lesen und schreiben, ich beherrschte nur Bruchstücke von Worten und ich erahnte nur die Bedeutung von Texten. Ich war funktionaler Analphabet. Das bedeutet, dass ich nur einzelne Worte oder Buchstaben erkennen konnte, mir sich aber nicht der Sinn eines kompletten Satzes oder Textes erschloss. Ein Lehrer befreite mich aus dieser Misere und seitdem bin ich zwar eine Leseratte, aber wenn es um Schreiben geht, dann bekomme ich noch immer Herzklopfen. Als meine erste Geschichte online war, fing sich mein Leben an zu verändern: Ich wurde ein Content.

Neben dem gelegentlichen Bloggen kamen später noch Facebook, Myspace, Youtube, Behance, Xing, Whatsapp und vieles andere dazu. Dass ich plötzlich ein Content war, wurde mir in München klar, als mich in der Pinakothek der Moderne ein Unbekannter ansprach und mich fragte, ob ich Kung Shing sei. Dann erzählte er mir, dass er meine Texte lesen würde. Diese Begegnung löste in mir einen „Present-Schock“ aus. Das war das erste Mal, wo ich als Content begriff, wie Cyberspace und Wirklichkeit miteinander verschmolzen. Mittlerweile sind alle Menschen Content. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob sie im Internet aktiv sind oder nicht.

Als ein Content habe ich akzeptiert, dass es keinen Raum und keine Zeit mehr gibt und es im digitalen Zeitalter nur noch um Erweiterung, Gleichzeitigkeit, Beschleunigung und Speicherung geht. Vielleicht bin ich als Content so unbekümmert oder vielleicht auch nachlässig, weil ich keine klassische Erziehung zum Alphabeten genossen habe. Deshalb vermute ich, dass Menschen, die durch das ABC zu linearen Denkern erzogen worden sind, größere Schwierigkeiten haben ihr Leben als Content zu akzeptieren. Ihre gelernte Linearität führt heute immer mehr ins Leere und das macht sie unsicher. Sie müssen sich vorkommen, wie ein funktionaler Analphabet, der wie ich damals nicht alles lesen konnte. Auch sie erkennen immer nur etwas - nie alles. Vielleicht rührt daher ihre Sehnsucht nach Vergangenheit, nach mehr Transparenz oder starke Führung.

Aber was soll man machen, wenn man ein Content ist oder wird? Ignorieren geht nicht und weglaufen ist auch keine Lösung. Das muss jeder für sich selbst herausfinden, denn es gibt kein Patentrezept dafür. Ich mache es wie Alice im Wunderland: Ich laufe einfach dem weißen Kaninchen hinterher - was soll da schon schiefgehen?

 


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