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Wie ich mich in eine Leserin verliebte

Journal, LebenKnuth Kung Shing Stein
 "Der Liebe leichte Schwingen trugen mich; kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren; und Liebe wagt, was irgend Liebe kann.", William Shakespeare, Romeo und Julia

"Der Liebe leichte Schwingen trugen mich; kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren; und Liebe wagt, was irgend Liebe kann.", William Shakespeare, Romeo und Julia

Es war mir egal, ob ich zu spät in die Schule kam. Ich wartete nur auf die Leserin. Seit Tagen beobachte ich sie im Bus. Sie war auch jetzt wieder pünktlich und stieg ein. Sie saß immer hinten im Bus auf einen Zweiersitz direkt am Fenster und las. Nichts schien sie abzulenken, weder interessierte sie sich für den Verkehr, noch brachte sie die Unruhe im Bus aus der Fassung. Manchmal schob sie ihre Haare leicht hinter ihre Ohren und ihre Lippen bewegten sich leicht, weil sie die Worte leise mitlas. Ihre dunklen Haare, ihre Blässe und ihre Zartheit hatten etwas Vornehmes, dass mich ein wenig einschüchterte. Sie ging, wie ich, noch zur Schule und lernte auf der Hinfahrt. Sie beachtete mich nicht, schritt immer an mir vorbei und verschwand. Sie war für sich und schien unerreichbar zu sein.

Mittlerweile hatte ich herausbekommen, dass wir beide die gleiche Schule besuchten. Ich rätselte, was für eine Frau sie wohl sei, ich stellte mir damals vor, dass sie Französin oder Spanierin sei. Die Leserin begleitet meine Gedanken, egal was ich tat, sie war immer mit dabei. Die Wochenenden wurden für mich zur Qual, weil ich sie nicht sah und ich konnte den Montag kaum erwarten, um mit ihr wieder gemeinsam zur Schule zu fahren. Ich hätte sie einfach ansprechen können, aber mein Problem als gelernter Klassenclown war, dass in meinem Repertoire etwas fehlte: Wie spreche ich eine stolze Frau an?

 "..I run for the bus, dear While riding I think of us, dear I say a little prayer for you At work I just take time And all through my coffee break time I say a little prayer for you..", Aretha Franklin, I say a little Prayer

"..I run for the bus, dear While riding I think of us, dear I say a little prayer for you
At work I just take time And all through my coffee break time I say a little prayer for you..", Aretha Franklin, I say a little Prayer

Als Klassenclown machte ich häufig die Erfahrung, dass die Frauen eher auf die entschlossenen, erfolgreichen oder starken Männer stehen. Die Cowboys, Sporthelden, Wölfe, Rebellen oder andere coole Hunde bekamen die Frauen. Ein blöder Witz hätte alles Kaputtmachen können. Es stand zu viel auf dem Spiel, aber aufgeben wollte ich sie auch nicht. Ich versuchte mich als „ernster Mann“ ins Spiel zu bringen, und da ich auch viel las, dachte ich, ich könnte sie als Leser beeindrucken. Ich war damals in meiner russischen Phase und glaubte tatsächlich, dass ich sie mit Gogol beeindrucken könnte. Nichts geschah. Funktionierte null. Keine Reaktion. Ich bin mir nicht sicher, vielleicht hätte ich damals mit Proust oder mit Irving mehr Erfolg gehabt. Ich war ratlos.

Eines Nachmittags saß ich mit ein paar Klassenkameraden wieder im Bus, die Fahrt nach Hause nutzten wir als unsere Bühne und machten Blödsinn. Unter den Fahrgästen war auch meine Leserin. Ich hatte sie zu spät entdeckt und dachte, dass es das war. Aus und vorbei. Keine Chance mehr. Jetzt kommt wieder ein Cowboy und schnappt sie dir weg, dachte ich. So ein Schweiger, der in Ecke sitzt, aufsteht, sie rausträgt und sie vor den Deppen beschützte, die gerade den ganzen Bus unterhielten. Aber ich sah, wie ihr Buch in ihrem Schoß lag, sie aus dem Fenster guckte und immer wieder über uns schmunzeln musste. Am nächsten Tag brachte ich meinen ganzen Mut auf und sprach sie endlich an. Ich machte einfach einen Witz. Sie musste lachen.

Von dem Tag an lief es besser für mich. Wir unterhielten uns jetzt immer, wenn wir uns sahen, ob im Bus oder auf dem Schulhof. Später verabredeten wir uns, gingen gemeinsam aus und wurden ein Paar. Die Leserin ist heute meine Frau. Ich liebe sie. Sie ist meine Retterin. Ohne sie, würde ich vielleicht heute in einem Comicshop arbeiten, kalte Pizza essen und auf Mittelalterfesten als Feuerschlucker auftreten.

 

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