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Alles klar: Warum Mode immer transparenter wird

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 Foto: Tobi Oebel -  Mein Leben als Salatgurke oder die neue Offenheit

Foto: Tobi Oebel - Mein Leben als Salatgurke oder die neue Offenheit

Nachdem wir uns im Internet nackt gemacht haben, werden wir auch im echten Leben nackter.  Warum in der Mode Transparenz angesagt ist. SoSUE Mann Knuth versucht einen Durchblick.

Letztens in der U-Bahn las ich, dass Kim Kardashian als Influencerin des Jahres einen Modepreis bekommen hat. In ihrer Dankesrede scherzte sie: "Ich bin etwas schockiert, dass ich einen Modepreis erhalte, obwohl ich doch die meiste Zeit nackt bin." Mir fiel auf, dass ich mich in letzter Zeit irgendwie auch immer nackter fühle. Kardashians Aussage passte in unsere Gegenwart und brachte mich während meiner Heimfahrt ins Grübeln.

Transparenz ist das große Thema unserer Zeit. Die Wirtschaft, die Politik oder Organisationen, alle sollen transparenter werden, damit jeder Schritt nachvollziehbar ist und nichts verheimlicht wird. Die Idee ist nicht schlecht. Der Haken ist nur, dass wir Transparenz missverstehen und glauben, dass wir alles Private herzeigen müssen. Facebook und Google helfen uns sogar gerne dabei, dass wir täglich ein Stück nackter werden.

 Foto: Shame Magazin -  Erst machen wir uns im Netz nackig, dann auf den Straßen

Foto: Shame Magazin - Erst machen wir uns im Netz nackig, dann auf den Straßen

Kann es sein, dass wir betrunken Strippoker gegen Algorithmen spielen? Besoffen vom Applaus der sozialen Medien und der Zuwendung der Apps geben wir unser letztes Hemd her. Wenn jetzt aber alles sichtbar wird und jede ordinäre Wetter-App mehr über mein Leben weiß, als ich selbst, warum dann noch im Echtleben noch etwas verheimlichen?

Meine Beobachtung ist, dass der zunehmende Verlust des Privaten im Web einhergeht mit der Abnahme der Intimität in der analogen Welt. Vor den Fenstern verschwinden die Gardinen und Vorhänge. Wir arbeiten in Großraumbüros. Der Informationsbeschallung von Handygesprächen kann keiner entgehen. Überall sind Glasfronten an den Häusern. Die neue Offenheit bedeutet für mich, dass die Privatheit der anderen überall sichtbar wird und mit meiner verschmilzt.

 Foto: Unbekannt -   Transparenz begeisterte schon Oma in den 60ern

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 Foto: Styleone 80 -  Less is More: Rapperin Nicki Minaj im durchsichtigen Rock

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Klar, wir halten noch an der alten „Burgphilosophie“ fest. Wir fahren SUVs, wohnen auf Großflächen und tragen dicke Parka. Ein Schutzwall aus Blech, Beton und Stoff soll uns schützen. Sind das die letzten Zuckungen der guten alten Zeit? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch nicht die Unsicherheit, sondern man will beim Strippoker einfach besser vorbereitet sein, denn wer mehr anhat, muss sich nicht so schnell nackig machen.

Die Mode hatte schon immer ein feines Gespür dafür gehabt, wenn Veränderungen anstehen. Wenn ich meinen Instagram Feed checke, fällt mir auf, dass Transparenz dort ebenfalls eine große Rolle spielt. Es gibt immer mehr durchsichtigen Blusen, Kleider und Schuhe. Besonders spannend ist es, dass selbst sensible Bereiche, wie die Handtasche davon erfasst werden. Es gibt jetzt sogar durchsichtige Koffer. Ist ja auch praktisch bei den vielen Sicherheitskontrollen am Flughafen. Jeder soll sehen, was ich so mit mir rumschleppe. Andere Modelabels gehen wieder einen anderen Weg, um den Wunsch nach Transparenz zu erfüllen. Sie werfen ihren Klamotten und Accessoires einfach eine Klarsichtfolie über, ein Prinzip, das wir aus dem Supermarkt von eingeschweißten Salatgurken her kennen.

 Foto: Off-White -   Hier gibt es was zu sehen: Der Rimova Koffer von Off-White

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 Foto: Fiorucci -  Jacke wie Hose: Fiorucci zeigt einfach alles

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 Foto: Celine -  Plastik statt Jute: Celine macht den durchsichtigen Einkaufsbeutel hipp

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Für die Lust auf Transparenz geben wir unsere Daten im Netz auf und reißen uns den Stoff vom Körper. Jeder wird zum Voyeur und gleichzeitig zum Exhibitionisten. Unsere Strandfigur zeigen wir dann nicht nur im Netz, sondern dann auch ganz offen auf der Straße, egal, in welchen Selbstoptimierungszustand wir uns gerade befinden. Die Idee ist nicht „Big Brother is watching you“, die Idee ist „Everybody ist watching you“. Und die Mode hat das schon immer gewusst.

 Foto:Jimmy Choo -  Jimmy Choo Pumps by Vetements: Frischhaltefolie statt nackter Füße

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 Foto: The Peter do -  Das Designerlabel The Peter do kreiert den Durchblick

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 Foto: Louis Vuitton -  Mit "Nichts" begeistert der US-Designer Virgil Abloh Louis Vuitton Fans

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Ich stellte mir eine Zukunft vor, in der wir in atmungsaktiven und durchsichtigen Klamotten zur Arbeit gehen. Die Welt verwandelt sich in einen super FKK-Planeten, dachte ich. Plötzlich sprach mich eine Frau an, die neben mir saß. Sie fragte mich: „Gibt es bei ihnen Spargel“, und deutet auf meinen durchsichtigen Einkaufsbeutel. Wie wäre wohl die Frage gewesen, wenn ich einen durchsichtigen Anzug getragen hätte?

Bevor ich ausstieg, schaute ich noch einmal bei Instagram vorbei und freute mich über die vielen Zuschauer, die mir beim Mittagessen zugeschaut haben. Zufrieden lächelte ich in die Überwachungskameras. So langsam bekam ich den Durchblick.


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