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Sue´s L.A. Reisetagebuch - Teil 3

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Zurück in LA genieße ich die Boardwalk-Romantik von Santa Monica, ein Tummelplatz für Lebenskünstler, Straßenmusiker, Skater, Surfer und Touristen. An dem langen Sandstrand tost der Atlantik und über Allem liegt eine graue Wolke aus Dunst und Cannabis. Egal wohin ich gehe oder stehe, ständig zieht mir der Duft von Haschisch in die Nase – überall schießen MedMen (Cannabis) Shops aus dem Boden und ich fühle mich eher wie in Amsterdam. Das Zeug lässt sich gegen Vorlage von ID ganz legal in Form von Schokolade, Mundspray, Kaugummi, Drops oder Getränken wie in einem Kiosk kaufen. LA braucht Stimmungsaufhellung – seit Trump eigentlich auch der Rest Amerikas! Der  wirtschaftliche Druck ist enorm, die Benchmark für den „Californian way of life“ ist hoch und immer mehr Menschen steigen aus dem Konsum-Karussell aus –  eben auch notgedrungen. Unter den Brücken im Valley versammeln sie sich und campen und auch am Meer schlagen sie auf Raseninseln ihre Zelte auf. Das hat schon lange nichts mehr mit Tom-Petty-Romantik zu tun, sondern ist einfach nur traurig und dämpft mein sonst so positives Gefühl für LA. 

Ich sehne mein altes Feeling herbei und düse dafür auf einem E-Roller Richtung Venice. Gewiss, hier sind alle sehr entspannt, Venice ist mit den vielen kleinen bunten Häusern einfach ein hübsches Hippie-Eldorado: Mit Surfern, die mit ihren Longboards über die Straße schlendern und Hippiegirls, die ihre Rollerblades gegen einen E-Roller eingetauscht haben. Die gängige Haarfarbe ist California Blond mit Zähnen so strahlend weiß wie auf einem Flyer für Zahnästhetik. Mein Lieblingsrestaurant Gjelina mit der weltbesten Pizza - der Teig ist dünn und trotz Tomaten-Sugo extrem knusprig - ist immer noch sehr gut besucht. Und trotzdem fühlt es sich anders an. Aber vielleicht bin ich es auch, die sich verändert hat? 

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Ich beschließe zum Friseur zu gehen und mir die Haare kämmen und föhnen zu lassen. Vielleicht erhoffe ich mir dadurch, dass dann alle krausen Gedanken verschwinden. Aus dem Föhnen wird ein ganz neuer Haarschnitt. Vorne kürzer, gestuft, also ein Pony und Hinten lang. Das Ganze nennt sich Shag. Denn plötzlich steht mir der Sinn nach Veränderung. Irgendwie war das ja schon lange überfällig und mit dem Schneiden kommen ein paar alte Zöpfe ab.

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Ich klappere die Läden nach Vintage Styles ab und freue mich, als ich eine alte Wrangler in den Händen halte. Sie hat das blau des Himmels in Los Angeles und erinnert mich an meine erste Jugend-Liebe. Er hieß Sven und war ein waschechter Popper. Ich entsprach stilistisch nicht dem Dresscode der Popper: Als Popper trug man Pedal Pusher von Closed und bunte Lacoste Hemden und die obligatorische Popper-Tolle, die Mädchen trugen Bob. Meine Wrangler war also eigentlich „outdated“ – das war mir aber egal, denn ich fand schon damals, dass die Pedal Pusher einen dicken Po macht. In einem anderen Shop LCD auf der Abbott Kinney Road finde ich eine wunderschöne Vintage- Bluse zu der ich sofort ein paar Ideen für die neue Kollektion habe.

Weiter geht’s Richtung Melrose! Yassi will noch dass ich vor ein paar bemalten Hauswänden posiere. Das machen alle Influencer so, und ich mache mir einen Spaß daraus, ihren Wunsch zu erfüllen. Muss eh da vorbei, weil ich zur Reformation möchte. Ein neues Shoppingkonzept der Teenagerherzen höher schlagen lässt, mit Touchscreens an den Wänden suchst Du Dir Deine Wunsch-Teile aus und nach einer kleinen Wartezeit, die mit einem Kurkuma-Latte überbrückt wird, werden sie von Geisterhand in die Kabine gehängt. Die Kids lieben es dort ihre Prom-dresses (Abtanzkleider) zu shoppen. Und nachdem die Kleider ein bis zweimal Mal getragen wurden, werden sie in Reformation Zweite Hand wiederverkauft. 

Dann muss ich noch zu Decades vorbeispringen und einen Plausch mit Cameron Silver abhalten. Sein Gespür für „upscale Vintage Design“ ist legendär und er berät Firmen wie Halston bei ihrem Relaunch. Cameron recherchiert weltweit It-pieces aus den Luxusmarken dieser Welt und selbstverständlich lieben auch die Stars sein Händchen für seltene Teile. Insbesondere in der Oscar-Nacht wollen viele kein maßgeschneidertes Aushängeschild einer Marke sein und setzen auf individuelle Vintage-Roben. Der Mann der Stunde heißt dann Cameron.

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Weiter unten Richtung Robertson hat noch the Real Reel eröffnet, auch ein fantastischer Second Hand Shop – aber jetzt streikt mein Begleiter. Die Toleranzschwelle beim Shopping ist schnell erreicht und kaum verhandelbar. Als echter Löwe weiß er genau was er will und vor allem: wann Schluss ist. Nun gut, dann eben wieder eine Kaffee-Pause im Urth Café

Zum Glück gibt es heute noch eine Ausstellung bei Nino Mier. Der vertritt in LA deutsche Künstler wie Albert Oehlen und hat sich in der Kunstszene von LA ein gutes Renommee erarbeitet. Später wollen wir noch ins Soho Beach House direkt in Malibu am Strand. Drink der Stunde ist nicht mehr Skinny Bitch (Wodka mit Zitronenspritzer), sondern Wodka mit Grapefruit-Saft. Die Kellner sind allesamt Trendsetter und natürlich alle „upcoming actors“ oder professionelle Models bzw. Youtuber oder Influencer. Die Stimmung ist europäisch ausgelassen, aber alt wird hier keiner: spätestens nach Mitternacht verduften alle. Nicht selten haben sie noch eine Fahrzeit von bis zu einer Stunde. Die Distanzen in dieser Stadt sind wirklich abartig und wenn man die falsche Uhrzeit erwischt, steht man gern mal auf einer achtspurigen Autobahn im Stau. Deswegen fahre ich lieber Mulholland oder den Sunset Blvd Richtung Hollywood oder umgekehrt. Auf dieser Route gibt es wenigstens was zu sehen. Am Sonntag zum Beispiel habe ich doch tatsächlich in Brentwood einen Jogger mit Wildschwein an der Leine gesehen. Er lief ganz beschwingt auf dem Rasen-Mittelstreifen Richtung Küste. Erst dachte ich es wäre George Clooney, aber das ist natürlich Quatsch. Schließlich gibt es noch mehr Menschen mit Hang zum Schwein als Haustier! In Brentwood muss ich noch unbedingt in den Goop Store von Gwyneth Paltrow. Den Mann parke ich aber vorher noch im Bel Air Country Club für 18 Löcher Golf. Das gibt mir genügend Zeit mal ohne Druck alle Läden in der Brentwood Mall zu durchstöbern. 

Der Goop Storebietet eine toll kuratierte Auswahl an Beauty- und Fashion. Neben Vintage-Chanel-Taschen und exklusivem Schmuck bietet Gwyneth sogar ein paar eigene Jeans-Styles an. Eigene Düfte, Öle und Cremes sind das Brot und Butter der Lifestyle Marke und der Topseller ist ein Exfoliator für 120 Dollar. Die Verkäuferin schwört drauf und meint ohne ihn nicht mehr leben zu können. Das ist natürlich ein schlagendes Argument und ich fühle mich in der Verantwortung das nun auszuprobieren. Ich bin sonst kein Maskenfreund (das ist mir immer ein wenig zu schmierig und langwierig) aber die körnige Creme taugt was. Die Haut kribbelt angenehm und fühlt sich nach dem Treatment (15 Min Einwirkzeit) ganz samtig und weich an. Na ja, bei dem Preis! 

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Ich schlendere noch ein wenig durch die Mall, schaue mir den neuen Visvm Laden an und schaue das bunte Treiben der Mütter mit ihren Töchtern an. Man muss schon genau hinsehen, wer hier wer ist: Fashionmäßig beide in Leggings und Sweatshirt oder upper- mainstream-Tops gekleidet, sind sie an Jugendlichkeit kaum zu unterscheiden. Brentwood ist ein SUV-Viertel und könnte gefühlt aus einer Ralph-Lauren-Reklame entspringen. Nur schöne und gesund aussehende Menschen. Die perfekte Vorlage für die HBO-Serie „Big little Lies“ deren 2. Staffel (diesmal neben Julia Roberts auch mit Meryl Streep in der Hauptrolle) schon sehnsüchtig am 7. Juni  erwartet wird. Das ist eh so ein Phänomen in LA, dieses ständige Gefühl an den Originalschauplätzen Hollywoods zu sein und Klischees immer wieder bestätigt zu bekommen. 

Der letzte Tag nähert sich dem Ende, zum Abschluss gab es nochmal einen ordentlichen Regenguss. Macht nix, ich laufe noch ein letztes Mal den Santa Monica Pier entlang bis hoch zum Pacific Coast Highway ... ich spüre die Wehmut des Abschieds aus einer Region, für die ich mehr Heimatgefühle hege als für irgendeine andere. Ich weine und lass es geschehen, es sind gute Tränen. Hier war ich in jedem wichtigen Abschnitt meines Lebens, und LA hat mich immer auf eine Art inspiriert, die mich auch seelisch tief berührt hat. Und verändert. Und getröstet. Und verwandelt. Es ist ein Geschenk, immer wieder von der Stadt der Engel empfangen zu werden. Niemand wird je behaupten können, er hätte dabei nichts fürs Leben mitgenommen. 

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