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Hangover Sucks - Autorin Susanne Kaloff im Interview

InterviewSue Giers4 Comments
Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend

Ich kenne und schätze Suse Kaloff bereits eine halbe Ewigkeit. Es gab Zeiten, da habe ich mir die GRAZIA nur wegen ihrer wöchentlichen Kolumne gekauft. Suse sieht Schreiben als Therapie und das kann ich sehr gut nachvollziehen. Sie hat ein bemerkenswertes Gespür dafür, Lifestyle-Trends aber auch Alltägliches zu erfassen und mit viel Humor, Reflektion und Biss zu beschreiben. Oft denke ich, das ist mir doch genauso gerade passiert. Suse beherrscht die Kunst, Gefühle und den Irrwitz des Lebens so zu zeichnen, dass man sich spiegeln kann und man sich damit nicht alleine fühlt.

Ihr drittes Buch „Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend“ ist eigentlich eine einzige große Kolumne und logische Konsequenz ihrer Arbeit. Dabei geht es um das Thema Alkohol, und welche Rolle er als Gefühlsverstärker bzw. ständiger Begleiter in unserem täglichen Leben spielt. Aus einem Selbstversuch wurde eine Lebens-Ein- bzw. -Umstellung. Ich war nach der Lektüre des Buchs neugierig, was Suse zu diesem ja doch radikalen Schritt bewogen hat (...)

Wenn ich Deine Kolumne lese, ist es oft so, dass Du genau das formulierst, was ich gerade fühle. Das geht mir sicherlich nicht allein so. Ist Dir eigentlich bewusst, dass Du Dich in so einer Mainstream Gefühlswelt bewegst?
Eigentlich nicht – man glaubt ja immer, man ist ein Einzelfall. Aber natürlich nach all den Kolumnen und auch dem Buch jetzt bekomme ich sehr viel Feedback von Frauen, die sich in meinen Erlebnissen und Geschichten wiederfinden. Das freut mich und ich glaube, dass wir uns alle viel mehr ähneln als wir annehmen.

Eine gute Ausgangssituation für ein Buch. Wieso aber ausgerechnet dieses Thema?
Ich bin aufmerksam was Trends angeht. In der New Yorker- und kalifornischen Yoga Szene um Gaby Bernstein und Ruby Warrington (Club SÖDA NYC) herum gibt es einen neuen Sober (Nüchtern)-Trend. Das habe ich mitbekommen, auch, dass das nicht alles Alkoholikerinnen sind, sondern, dass kein Alkohol zu trinken eine Lifestyle-Entscheidung ist. Wir alle trinken grüne Säfte, essen Superfoods, gehen laufen, meditieren und machen Yoga. Alles scheinbar super bewusst, bloß Alkohol nimmt eine Sonderstellung ein. Das ist doch ein Widerspruch.

Es ist bewiesen, dass Alkohol ein Nervengift ist und ich bin überzeugt - nach 1,5 Jahren Abstinenz – dass es nicht so eine brillante Wellness-Idee ist, sich Ethanol in den Körper zu schütten. Aber das kann und muss ja jeder für sich selbst entscheiden.

Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend

Was hat sich ohne Alkohol am gravierendsten verändert?
Der Respekt vor mir selbst. Wenn man alles nüchtern aushält, wenn alle Gefühle zu 1000 Prozent da sind, die guten wie die hässlichen, man nichts mehr so eben wegdrücken kann, kommt man sich sehr auf die Schliche. Du siehst alles super deutlich und ungefiltert, schaust die Welt, auch deine Freunde mit anderen Augen an. Das war für mich anfangs sehr schwer, denn man möchte als Mensch ja dazugehören. Aber man gehört automatisch nicht mehr so ganz dazu, wenn man mit einem Wasser anstößt. Wenn alle Wein getrunken haben, ist die Frequenz eine ganz andere als deine eigene. Ich bereue diese Entscheidung nicht. Es ist nur anders: ich tanze nicht mehr zu Musik, die ich nicht mag, gehe nicht mit Männern ins Bett, die ich nicht richtig toll finde und sage nichts, was ich am anderen Morgen bereue.

Stichwort Dazugehören: Hat sich Dein Freundeskreis verändert. Wirst Du von Einigen vielleicht nicht mehr eingeladen und wenn ja - tut das nicht weh?
Ja, sicher. Sagen tut’s dir aber keiner direkt. Zum Glück habe ich keinen großen Freundeskreis und meine engsten Freunde bleiben engste Freunde.  

Dein Buch hat ja schon eine kleine Welle losgetreten, das Thema Alkohol scheint alle ziemlich aufzuwühlen?!
Total. So ein Selbstversuch ist ja auch geduldet, wenn es einen bestimmten Zeitraum nicht überschreitet. Ähnlich wie beim Detox, Fasten oder Schwangerschaft. Wenn es aber zu einer Haltung wird, macht man sich verdächtigt. Warum trinkt sie denn nicht mehr, sie muss ja wohl ein Problem haben! Es gibt Menschen, die mich als Projektionsfläche benutzen und sie fangen an, ungefragt über sich zu erzählen, warum sie trinken, warum es für sie ja überhaupt kein Problem sei, dass sie nur zum Abendessen täglich ein Glas Wein trinken... Ich verurteile und missioniere nicht. Andere wiederum wollen mir ein Alkoholproblem unterschieben –selbst jene, die mich überhaupt nicht kennen- und urteilen sehr wohl.

Ich hinterfrage mich jetzt schon gelegentlich, ob ich heute wirklich Lust habe auf ein Glas habe. Ich gehe viel sensibler damit um und habe selbst erfahren, wie Alkohol das Tagesgefühl verstärkt und andere Gefühle triggern kann.
Aber genau das ist doch gut, wenn man sich selbst hinterfragt,. warum man etwas tut.

Aber wieso gleich so extrem? Wie kam es dazu von einem Tag auf den Anderen damit so rigoros aufzuhören bzw. anzufangen?
Der Zeitpunkt des Aufhörens war zwar impulsiv gewählt, die Entscheidung dazu ist jedoch lange vorher gefallen. Es war in mir gereift.

Gab es Tiefpunkte, Momente, in denen Du aufgeben wolltest?
Nein, aber natürlich gab es traurige Momente: Silvester allein am Fenster stehend, die Angst von Freunden ausgeschlossen zu werden, nicht mehr sexy, nicht mehr witzig, nicht mehr dies, nicht mehr jenes zu sein.  Überleben wir alles, aber auf der anderen Seite: Wenn Du Nein zu dem Automatismus Alkohol sagst (und automatisch ist es ja, weil einem an jeder Ecke und auf jedem Event ein Drink gereicht wird), dann sagst Du gleichzeitig Ja zu vielen anderen Dingen im Leben.  

Dein Buch ist im Prinzip eine Verlängerung Deiner Kolumne. Da hast Du ja auch noch getrunken. Hattest Du Angst, Dein Buch könnte nüchtern geschrieben langweilig sein?
Ich bin nicht Charles Bukowski, aber natürlich hatte ich Bedenken, dass das, was ich erlebe, nicht mehr extrem genug oder interessant genug ist, um darüber zu berichten. Nicht mehr sarkastisch, ironisch, bissig genug zu sein. Natürlich hört jeder gern Geschichten über Abstürze (z.B. mit einem Hoteldirektor). Wer liest gern auf Dauer Geschichten über Sportmachen und Wasser trinken? Aber zum Glück gibt es noch ganz viel dazwischen und man muss nicht immer Dramen erleben, um gut schreiben zu können. Aber es ist vor allem ein innerer Prozess, man lernt sich nochmal ganz neu kennen. Mich erinnert es daran, wie ich als Teenager war, bevor ich den ersten Schwips hatte. Das hat was sehr Rohes und Schutzloses, und ist manchmal auch unangenehm, wenn man auf Partys geht, wo alle einen im Tee haben und so federleicht wirken.

Was hat Alkohol noch für eine Funktion?
Du merkst vor allem, was er für eine Funktion hat, wenn Du ihn nicht mehr hast. Nicht den „Dry January“ oder nur ein bisschen salonfähigen Detox  – sondern dann, wenn Du beschließt, ihn aus Deinem Leben zu verbannen.

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Was war das positivste Erlebnis?
Körperlich: Der super Schlaf, mehr Energie, fit zu sein, und ich liebe es, nüchtern nach Hause zu kommen und immer exzellent auf mich aufpassen zu können. Das berührt so viele Facetten. Es bestimmt, mit wem und auf was wir uns einlassen. Vor allem auch mit welchen Männern. Ich merke, dass ich nicht mehr auf die Typen anspreche, die ich vielleicht früher mal gut fand.

Gibt es etwas, was Du vermisst? Den Geschmack von Rotwein?
Natürlich vermisse ich manchmal kurz das dämpfende, warme Gefühl, das ein schwerer Rotwein dir verspricht. Aber die Wirkung vermisse ich eben gar nicht. Das sich vernebelt fühlen, das ist mir ohnehin unheimlich. Was ich aber vermisse ist das Konzept Alkohol. Das wird wohl auch immer so bleiben.

Wie meinst du das?
Na ja, wenn ich bei Instagram irgendwelche coole Frauen mit Champagner-Gläsern sehe oder so, dann denke ich schon: ach, Scheiße! Aber ich weiß, es ist etwas Angelerntes. Es ist, wie einen Romy Schneider Film anzuschauen und Sehnsucht nach Rausch und Selbstvergeudung zu bekommen, obwohl wir alle wissen, dass Romy ein starkes Alkoholproblem hatte. Wir romantisieren das und denken, wir sind auch cooler, wenn wir ein Glas Rotwein in der Hand haben. In Wahrheit ist das großer Bullshit.

Du hattest Dir nur ein Jahr vorgenommen, jetzt hast Du verlängert. Warum?
Ja, es war angelegt nur so lange durchzuhalten, wie ich das Buch schrieb. Am Ende des Buches probiere ich es kurz mal, nippe an einem Wein oder Bier ein paar Mal. Aber nach ganz kurzer Zeit wusste ich, dass ich Alkohol in meinem Leben weder möchte noch brauche.

Willst Du nie wieder Alkohol trinken? Oder ist es so, wie Du aufgehört hast, dass Du irgendwann wieder anfängst?
Klar kann ich jederzeit ein Glas trinken und halte mir das auch offen. Aber bis jetzt war der Wunsch nie so groß, dass es mir die Sache wert gewesen wäre.

Nervt es nicht mal, wenn Du immer darauf angesprochen wirst, gar nichts mehr zu trinken?
Ja, manchmal trinke ich auch Wasser aus Weingläsern, damit keiner fragt. Aber mittlerweile werden die Fragen weniger. Wichtig ist mir, dass ich niemanden missionieren möchte.

Schreiben ist für Dich Selbst-Therapie. Ist dieser Schritt nichts zu trinken, das Extremste – oder besser gesagt – die letzte Stufe der Therapie, bist Du damit jetzt austherapiert?
Ich lasse die Menschen an meinem Scheitern, aber auch an meinen Erfolgen teilhaben. Therapie würde ich das nicht nennen, aber ja, das hilft auch mir, die Dinge zu sortieren, einzuordnen, und am Ende vielleicht etwas besser zu verstehen. Aber ich mache mir schon Gedanken über mein nächstes Buch und werde so lange ich lebe, immer etwas zu erzählen haben.

Du hast, neben vielen anderen Erlebnissen, auch deine Trennung in deinen Kolumnen verarbeitet. Würdest Du heute sagen, dass man nur durch Schmerz wirklich wachsen kann?
Ich glaube, wenn ein Riss durch dein Leben geht, und da gibt es weitaus brutalere als eine Trennung, lernt man sich kennen. Es sei denn man hat Mittel (und die haben wir ja alle), die dabei helfen, dem Schmerz zu entfliehen. Sei es übermäßiges Shoppen, Sex oder Essen. Da hat jeder andere Ventile.

Kompensation ist wie ein Pflaster – niemand kann sich doch 24/7 aushalten. Was ist Dein Ventil – Deine Ablenkung?
Na klar, da gibt es auch schon noch was. Vintage Mode zum Beispiel: nach Dingen suchen, die nicht jeder hat. Das ist auch eine Art Sucht. Zum Glück wache ich dann wieder auf und frage mich, was machst Du hier eigentlich, sitzt drei Stunden am Rechner vor eBay Kleinanzeigen und suchst nach irgendeinem Yves Saint Laurent Gürtel aus der Russian Collection von 1976, wie bescheuert ist das?

Keinen Alkohol zu trinken, gesund zu leben, ein guter Mensch zu sein, fällt das nicht alles unter den Zwang zur Selbstoptimierung?
Vielleicht ist es eher umgekehrt, wenn ich eigentlich schüchtern bin und Alkohol benutze, um das zu überdecken, optimiere ich mich für die Gesellschaft. Oder ich bin traurig, und trinke etwas, damit ich es nicht mehr bin, weil traurige Menschen nicht gerne auf Partys gesehen werden. Das ist doch eher eine Form der Optimierung, um überhaupt gesellschaftsfähig zu werden. Ich optimiere mich nicht mehr. Das was Du siehst, bekommst du auch. Innen wie außen. Und wenn ich niedergeschlagen bin, trinke ich auch kein Gläschen Prosecco oder ein Weinchen, um das zu verbergen, sondern bleibe mit meinem Hintern daheim, mache mir einen Tee und gucke Netflix. It’s a choice.

Was hat sich körperlich bei dir verändert?
Auch wenn erwiesen ist, das Alkohol Kollagen abbaut, sehe ich in meinen Augen nicht jünger aus, seit ich nichts mehr trinke. Ich bin 49 Jahre alt und sehe exakt so aus. Auch habe ich nicht abgenommen, ich war schon immer so. Statt Krähenfüße, Stirnfalten und Kalorien zu zählen, empfehle ich: Count your blessings.

Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend
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